Von Rittern und Drachen

Aus der Serie «Sprachperlen»

Nr18 Rah­men­hand­lung 5

(stu) Je zwei des vier­zehn Buch­staben umfas­senden Wortes RAHMENHANDLUNG in iden­ti­sche Rah­men sinn­ge­mäss hin­ter­ein­ander geset­zt und mit je ein­er optisch als Fuss­note ins Bild geset­zten spe­zi­fi­schen Rah­men­hand­lung ergeben sieben Ein­zel­bilder die, zum waag­rechten Ganzen gefügt, dieses Werk Maras aus­ma­chen. Die klar­li­nige Ästhetik – das Werk kön­nte ohne Wei­teres im Design-Laden, Bank­foyer, im Archi­tek­tur­büro oder im Leh­rer­zimmer etc. hän­gen – ver­hält sich aller­dings zum Inhalt wie der Schafs­pelz zum Wolf.

Es zwin­gen die optisch kaum ins Gewicht fal­lenden Texte und die sie umfas­sende Struk­tur der iden­ti­schen Rah­men dazu, das ganze Schre­ckens­werk in Des­cart­schem Sinne räum­lich ins Unend­liche zu extra­po­lieren. Mara gelingt es mit diesem Gestal­tungs­modus tat­säch­lich, sämt­liche andern bekan­nten, erin­ner­baren, zukün­ftig anzu­neh­menden und die end­lose Liste all jen­er Ent­setz­lich­keiten, die wir nicht ken­nen oder noch nicht ein­mal erah­nen kön­nen, anzu­mahnen. Wie so oft, so eben auch bei diesem Werk, ban­nt uns der Kunst­werker mit dem Stim­m­­ga­bel-Effekt. Schla­gen wir dieses Instru­ment an, klin­gen wun­der­barer Weise sämt­lich exis­tie­renden Töne, der ganze akus­ti­sche Kos­mos, mit – selb­st jene, die unser­einer nicht hören kann. Nur lei­der ist hier die Fülle dessen, was mit asso­zi­iert wird, ganz und gar nicht wohl­tuend schön und reine Har­monie. Die Gabel des Kunst­wer­kers ist eher eine kos­mi­sche Mist­gabel, die nie­mals aus­rei­chen wird, den rie­sigen Stall aus­zu­misten.

Hat man sich ein­ge­standen, dass alle die uns ein­fal­lenden Lösungs­an­sätze gegen den Wachs­tums­wahn kaum aus­rei­chen, das zu Grunde lie­gende Pro­blem MENSCH auch nur dem Prinzip nach zu begreifen, stellen wir uns die glück­li­cher­weise etwas die Sorge zer­streu­ende und von dieser ablen­kende näch­ste Frage: Was um Him­mels Willen treibt den Kunst­werker Mara an? Warum führt er uns und in fast noch stär­keren Aus­mass sich selb­st immer und immer wieder die lei­dige Kata­strophe in unter­schied­lichster Aus­bil­dung und zuge­geben mit Witz und dito Unter­hal­tungs­wert vor Augen? Warum plagt er sich und uns in fast zwang­haftem Durch­halten mit dem Hor­ror, der auch ohne seine Dar­stel­lung exis­tiert – und dies auch noch, ohne Lösun­gen anbi­eten zu kön­nen? Ist der Kunst­werker Mara – in sein­er Sprache, der Sprache des Psych­ia­ters aus­ge­drückt und selbst­re­dend mit ein­er gehö­rigen Por­tion Ironie unter­legt – ein DEPRESSIVER SADOMASOCHISTISCHER NEUROTIKER? Ist sein künst­le­ri­sches Tun etwa alsAUTOTHERAPEUTISCH zu ver­stehen, dem gegen­über sich der PATIENT, bzw. dessen EGO, dann aber auch noch als THERAPIERESISTENT erweist und sich dann – weil der Kunst­werker offen­sicht­lich seine Bemü­hungen nicht ein­stellt – in ein­er ana­ly­tisch nicht mehr zu erschlies­senden Ver­schach­te­lung eine QUADRATUR DES NEUROTISCHEN ergibt, in der sich Mara in den tief­sten Tiefen des PATHOLOGISCHEN ver­liert?

Obwohl ich noch sei­ten­weise in dieser Ter­mi­no­logie weit­er baden kön­nte, ist natür­lich klar, dass rein gar nichts davon wirk­lich zutrifft. Im Gegen­teil: Mara ist zwar zwei­fels­ohne ein kunst­wer­kender Lust­täter, aber – und hier wird es nun tief ernst – er ist inhalt­lich ein selbst­be­trof­fener Mah­n­er, der sich darin nicht zurück­halten mag.

Leuten dieser „faden­graden“ Art wer­den seit ewigen Zeit­en Vor­würfe abstru­sesten Inhalts gemacht und – da sie ja nie der Unwahr­heit bezich­tigt wer­den kön­nen und somit immer recht behal­ten – sagt man ihnen Krank­haf­tig­keit nach. Um sie klein und ruhig zu hal­ten, wer­den sie in der Regel gerne und beden­kenlos dif­fa­miert.
Ler­nen wir daraus als die Moral von der Geschichte: Es ist gut, dass es RITTER gibt, die gegen den DRACHEN desWACHSTUMSWAHNSINNS kämpfen. Und, noch fast wich­tiger, ler­nen wir stets die RITTER von den DRACHEN zu unter­scheiden. Fol­gen wir kon­se­quent dieser Devise, schla­gen wir uns selb­st zu Rit­tern, schaf­fen wir auf diese zau­ber­hafte Weise, zusam­men mit dem Kunst­werker, Heer­scharen von Rit­tern!

(Ich jeden­falls, der Autor dieser Zeilen, wollte schon immer ein Rit­ter sein)

W. Stud­er

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