Nr54 Smartphone

Tele­fon­ap­pa­rat aus Bake­lit, zer­sägt, 30x20x20cm, © mara 2015
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Inspiration

In weni­ger als 15 Jah­ren wurde aus einem teu­ren Sta­tus­ob­jekt ein All­tags­ob­jekt für jeder­mann, ein selbst­ver­ständ­li­cher Beglei­ter, der den Tages­ab­lauf vom mor­gend­li­chen Wecken bis zum Gute-Nacht-SMS struk­tu­riert – mit tief­grün­di­gen Neben­wir­kun­gen.

Das Werk

<Nr54 Smart­phone> ein wei­te­rer unaus­weich­li­cher Aspekt von Wachs­dum. Kunst­sprech: SAW-UP-ART

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Klassifikation

<Nr54 Smart­phone> ist ein Werk aus dem Werk­raum Wachs­dum

Bekanntgabe

April 2015 → Tauch­gang, Pro­log zum Werk <Nr54 Smart­phone>
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Wer geht mit wem?

Kommentar zum Werk Nr54

Nr54 Smartphone

Nr54 Smart­phone

(stu) Von zwei Schüs­sen getrof­fen konnte sich der Fremde im unweg­sa­men Gelände des Gebir­ges vor sei­nen Ver­fol­gern nur sehr knapp hin­ter einem der tau­send Fel­sen ver­ste­cken – nur um nach weni­gen Tagen des Ver­har­rens an sei­nen Wun­den zu ster­ben. Als er, der wahr­schein­lich ein Agent aus dem Süden war, end­lich gefun­den wurde, war seine Lei­che ein trau­ri­ger Anblick und die zustän­di­gen Behör­den und ihr Wis­sen­schafts­dienst sich­te­ten die Reste sei­ner Klei­dung und die weni­gen Uten­si­lien, die er in einer Art Män­ner­ta­sche mit sich führte. Nein, ein Smart­phone war nicht dabei, aber der vor rund 7000 Jah­ren im Brennerge­biet kläg­lich Ver­bli­chene, als Ötzi bekannte, hatte eine Schnur mit etli­chen in unre­gel­mäs­si­gen Abstän­den ein­ge­ar­bei­te­ten Kno­ten bei sich – ein Iti­nerar also, dem die wesent­li­chen Weg­stre­cken der unter­nom­me­nen Reise abzu­lei­ten und mit dem Win­kel und Gestirne anzu­pei­len waren.

Ein Zeit­sprung hin­auf ins frühe 17. Jahr­hun­dert. Es tref­fen sich einige Tages­rei­sen vor dem fer­nen Samar­kand, dem Kno­ten­punkt des fern­öst­li­chen Han­dels, ein kab­ba­lis­tisch hoch­ge­lehr­ter Jude aus dem Süden Frank­reichs, ein from­mer christ­li­cher Han­dels­herr der alten Kon­fes­sion aus Pom­mern und ein jun­ger eif­ri­ger Sufi aus Bag­dad moham­me­da­ni­schen Bekennt­nis­ses in einem Kara­wa­nen­se­rail zur Über­nach­tung. Alle drei waren klug und des­halb fern ihrer Hei­mat als Händ­ler und Lebens­rei­sende unter­wegs. In Europa näm­lich tobte der mör­de­ri­sche Glau­bens­krieg zwi­schen den alten und neuen Chris­ten auf unab­seh­bare Zeit und in Bag­dad strit­ten sich die Anhän­ger Moham­meds ebenso bru­tal und aus­dau­ernd um den rich­ti­gen Islam und des­sen obers­tem Ver­tre­ter.

Die drei klu­gen Män­ner kamen nach dem Ver­sor­gen der Tiere und dem dem Essen ins Theo­lo­gi­sche Gespräch und, da sie wirk­lich klug und auch noch wirk­lich gebil­det waren, erkann­ten sie sich im einen gemein­sa­men Gott und sie dank­ten ihrem gemein­sa­men Stamm­va­ter Abra­ham für die Gnade an sei­ner Got­tes-Erkennt­nis teil­haf­tig gewor­den zu sein. Schliess­lich, bevor sie sich schla­fen leg­ten, nahm jeder einen eher klei­nen Gegen­stand von recht­ecki­ger Form zur Hand und begann sich – mit dem Kopf auf die Brust gesenkt – darin zu ver­tie­fen. Nein, es waren dies keine Smart­pho­nes. Es waren Iti­ne­ra­rien der geis­ti­gen Erbau­ung, die man VADE­ME­CUM, “geh mit mir” nannte. Der Kab­ba­list las über die zehn Sephi­rot des Adam Kad­mon, der Christ und ehe­ma­lige Klos­ter­schü­ler las Worte von Augus­ti­nus und Tho­mas von Aquin und der lyrisch bewan­derte Sufi las in den soge­nann­ten Agra­fas, einer Samm­lung der vor allem im Islam belieb­ten ver­streu­ten Jesu-Worte – was übri­gens kaum ein Christ weiss.

Zeit­sprung in die Gegen­wart: In einer leer­ste­hen­den denk­mal­ge­schütz­ten Kir­che irgendwo in Zen­tral­eu­ropa hat man ein kleine Mall ein­ge­rich­tet und nach oben, die Gewöl­be­kap­pen raf­fi­niert nut­zend, einige Lofts der geho­bens­ten Preis­klasse ein­ge­baut. Alle Geschäfte lau­fen Miusag geschmiert bes­tens und die Leute sit­zen und ste­hen und gehen und ren­nen teil­weise sogar mit dem Kopf auf die Brust gesenkt durch den ehe­ma­li­gen Sakral­bau, sich kaum um etwas ande­res küm­mernd als um das schwach bläu­lich leuch­ten­den recht­ecki­gen Dings in das sie hin­ein­star­ren- ver­dammt zur Schmerz­ta­blette und zur Mus­kel­ver­kür­zung und end­los zu Diens­ten dem süch­tig gewor­de­nen, ewig unbe­frie­dig­ten, nim­mer­sat­ten hedo­nis­ti­schen klein­gros­sen Selbst. Ja, hier han­delt es sich um Smart­pho­nes, die man eben­falls als VADE­ME­CUM bezeich­nen kann – aller­dings ist es das Smart­phone, das uns mitt­ler­weile befiehlt: GEH MIT MIR! Das Kom­mando hat unbe­dingt das Smart­phone, das uns zwingt auf Gedeih und Ver­derb den unge­wis­sen Weg des gros­sen Popan­zen, der gigan­tisch auf­ge­bläh­ten lee­ren Blase, zu gehen.

Viel­leicht bleibt uns nur noch die Hoff­nung, dass wenn wir dann, gezo­gen am Ring durch die Nase bzw. am Kabel des gros­sen Bru­ders in unse­rem dafür ein­ge­rich­te­ten Ste­cker, der Schnitt­stelle unse­rer Exis­tenz, den düns­ti­gen Blut­ge­ruch des Schlacht­hau­ses nicht mehr erken­nen, wir also ohne Den­ken der Gnade der bewusst­lo­sen Ent­sor­gung teil­haf­tig wer­den – beim Über­schrei­ben der Fest­platte unse­rer Exis­tenz.

Ein bedenk­lich hüb­sches Werk von Mara, nicht wahr?!

Apr 2015, W. Stu­der

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