Das Pferd im Märchen des Lebens

Aus der Serie «Sprachperlen»

Hom­mage an ein feines Essen mit feinen Leuten, feinen Gesprächen und beson­ders an die Köchin.

Nr15: Heimat

Nr15 Heimat

(stu) Das deutsche HEIMAT ist, als Wort und als Begriff, in keine Sprache direkt zu über­set­zen. Auch in der Umschrei­bung ist das deutsche HEIMAT in der ganzen Tiefe sein­er Bedeu­tung nicht zu erfassen. HEIMAT ist eine mythis­che und mys­tis­che Ikone der deutschen Sprache, die wiederum eine der höch­st­d­if­feren­zierten und wortschatzre­ich­sten Sprachen weltweit ist und der ein ein­ma­liger Reich­tum unter­schiedlich­ster Aus­prä­gun­gen eigen ist. Unter diesen Dialek­ten wurde vor noch gar nicht länger Zeit dem Han­noveranis­chen Dialekt die Ehre zuteil, als Hochsprache auser­wählt zu wer­den. Eine Wahl, die nicht nach Eig­nung, son­dern dem Macht­ge­fälle nach entsch­ieden wurde. In keinem der deutschsprachi­gen Heimatlän­dern – und dies sind etliche mehr als die Meis­ten wis­sen – spricht man üblicher­weise die reine Hochsprache. Dies tun allen­falls Per­so­n­en, die beson­ders aus­ge­bildet sind, zum Beispiel für den Schaus­pieler­beruf.

Noch um 1800 war die Hochsprache eher Idee als Wirk­lichkeit. Friedrich Schiller – wiewohl hochberühmter Dichter – war ein gefürchteter Vor­leser. Sein Schwäbisch gefärbtes Hochdeutsch kon­nte ausser­halb Schwabens kaum ver­standen wer­den. Der andere Gigant der deutschen Sprache, näm­lich Goethe, sprach im All­t­ag Säch­sisch und auch das Zürcherische bzw. Berner­ische Hochdeutsch von Max Frisch bzw. Friedrich Dür­ren­matt änderte nichts daran, dass sie bei­de der Deutschen Sprache Werke geschenkt und diese sich stetig wan­del­nde Sprache mit­geprägt haben.

DEUTSCH, das eigentlich vom Alt­ger­man­is­chen stolzen THIU DISK abgeleit­et ist, was soviel wie RICHTIG REDEN bedeutet, ist ein sehr sehr buntes Uni­ver­sum und für diejeni­gen, die in dieser Far­bigkeit leben, sich ihrer freudig bedi­enen, ist es ihre HEIMAT. Wer also glaubt, kein richtiges Deutsch sprechen zu kön­nen, weil sein Hochdeutsch dialek­t­ge­färbt daherkommt, ist nicht richtig informiert und wer sich und sein Deutsch aufzuw­erten glaubt, wenn er möglichst viele richtige deutsche Wörter und Begriffe durch Anglizis­men erset­zt, ist ein bedauern­swert­er Dummkopf. Er nimmt sich Iden­tität, Zuge­hörigkeit und selb­st­ständi­ges Denken und Fühlen. In einem Wort, er beraubt sich sein­er HEIMAT.

Ein weit­eres Begriff, der aus dem Deutschen kommt und nur im Deutschen die volle Bedeu­tungss­chwere ausstrahlt, ist das sich von HEIMAT ablei­t­ende HEIMWEH. Mit diesem HEIMWEH sind unter den vie­len deutschsprachi­gen Län­dern und Gegen­den ins­beson­dere wir in der Schweiz geseg­net, obwohl, oder vielle­icht ger­ade weil die Schweiz ja vier­sprachiges Ter­rain ist. HEIMWEH war und ist näm­lich seit dem 15. Jahrhun­dert als die SCHWEIZERKRANKEIT bekan­nt. Viele Jugendliche und junge Män­ner aus den ärm­sten Gegen­den der Eidgenossen­schaft hat­ten keine Zukun­ftsper­spek­tive, auss­er sich als Miet­sol­dat, als Söld­ner – genan­nt Reis­läufer – in den Dienst des meist­bi­etenden Krieg­sun­ternehmers zu begeben, um in der Fremde ihr Leben zu ver­di­enen, indem sie es auf’s Spiel set­zen. Ihre Kampfkraft und unglaubliche Zähigkeit waren leg­endär, ihre Grausamkeit und Bru­tal­ität berüchtigt. In Bei­dem über­trafen sie sog­ar die damals eben­falls als unmen­schliche Gro­biane ver­rufe­nen Deutschen Land­sknechte. Über­liefert sind beispiel­lose Scheus­slichkeit­en dieser gnaden­losen Mietlinge – dass sie ihr Led­erzeug mit Leichen­fett frisch vom Schlacht­feld pflegten, ist ver­gle­ich­sweise harm­los – und der Name SCHWEIZER war weit über die Zeit der Renais­sance hin­aus ein entsprechend entehren­des Schimpf­wort in der dama­li­gen Welt Europas. Dass aber aus­gerech­net diese üblen Hor­den fern der Heimat, dem Ort eben wo sie herka­men, über die Massen an Heimweh lit­ten, ist eben­falls leg­endär. Noch bis ins frühe 19. Jahrhun­dert gab es Lieder, die den Schweiz­er Sol­dat­en zu sin­gen ver­boten war, da dieses Liedgut geeignet war, die Kämpfer mit unüber­windlichem Heimweh zu infizieren und sie zur Fah­nen­flucht zu zwin­gen.

Das Lied der Lieder in dieser Hin­sicht, die eigentliche Schweiz­er­hymne über­haupt, das auch heute noch elegisch süss-nos­tal­gis­che Sehn­sucht weckt und zu Trä­nen rührt, ist jene Mori­tat um das VRENELI AB EM GUGGISBÄRG. Ihr ärm­lich­er Geliebter ver­meinte seinen reicheren Neben­buh­ler im hand­grei­flichen Stre­it hinge­mordet zu haben und floh vor der Strafe in fremde Kriegs­di­en­ste. Als er erfährt, dass er damals nicht zum Mörder gewor­den, kehrt er heim, nur um erfahren zu müssen, dass das VRENELI an gebroch­en­em Herz gestor­ben war. Im Refrain wird auch ein rät­sel­hafter SIMELIBÄRG beschworen, ein Umstand mehr, der anzeigt, dass sich in diesem Text min­destens zwei Ebe­nen über­lagern.

Der selt­same Text und die nicht min­der merk­würdi­ge Melodie passen ihrer Struk­tur nach eher ins 15./16. als ins frühe 18. oder wie auch ver­mutet ins 17. Jahrhun­dert, in die Hochzeit somit der über 500 Jahre dauern­den ital­ienis­chen Kriege, deren Auswirkun­gen im Schick­sal des mod­er­nen Europa immer noch zu spüren sind. In die Zeit also, in der die Eidgenossen das stolze Mai­land eroberten und diesen geschicht­strächti­gen Stadt-Staat, der unter Diok­let­ian zeitweilig sog­ar Haupt­stadt des Römis­chen Reich­es war, für eine kurze Weile beherrscht­en. Dies im Übri­gen in Konkur­renz mit den Armeen der dama­li­gen Gross­mächte, für die der Zankapfel Mai­land ein wichtiges Moment im Kampf um die Kaiserkro­ne bedeutete. Schliesslich kon­nte der Hab­s­burg­er Karl V. dieses Macht­spiel gegen Franz I. von Frankre­ich und gegen Hein­rich den VIII. von Eng­land für sich entschei­den.

Die älteren Ebe­nen in diesem geis­tes­geschichtlich phänom­e­nalen Lied­text sind markiert durch die Namen VRENELI und SIMELIBÄRG. Die Ver­flech­tun­gen in Zeit und Raum der vorchristlichen und christlichen Geis­tes­geschichte sind hier nur kurz anzumerken:
VRENELI ist ja die Verkürzung von VERONIKA, was wiederum zurück geht auf VERON IKON, was WAHRES BILD bedeutet, wom­it das Schweis­stuch Jesu (sudar­i­um) gemeint ist. Dies im Kon­trast zur zuge­höri­gen Frau, deren Herkun­ft bis min­destens ins 5. Jahrtausend vor Chris­tus zurück­ver­fol­gt wer­den kann, dort vor allem mit ISCHTAR zu verbinden ist, und schliesslich noch weit­er zurück in die Zeit, als Gott eine Göt­tin war.

Die Über­reste der GROSSEN GÖTTIN, die das Geheim­nis des Lebens kan­nte und so aus sich selb­st, gewis­ser­massen jungfräulich, Leben her­vor­brin­gen kon­nte, sind vielzäh­lig und im wesentlichen in ein­er christlich kirch­lichen und ein­er neben diesem beste­hen­den kryp­topha­ganen, also ver­bor­gen hei­d­nis­chen, Ver­bildlichung zu erken­nen.
Da ist die erlaubte kirch­liche Form näm­lich MARIA als jungfräuliche (sic!) Mut­ter Gottes und daneben die ins Sagen‑, Leg­en­den- und Märchen­re­ich abge­drängte VUIVRE, DOPPELSCHWÄNZIGE NIXE, VERENA, AUROBOROS, SCHLANGE, DRACHE, HEXE, WEISE ALTE, WEISSE FRAU, und etliche andere mehr, die bisweilen mit Gänse- oder Greifen­füssen dargestellt erscheinen – so wie dies jahrtausendealte Bilder von ISCHTAR schon zeigen.

Allen diesen Wesen, die in christlich­er Über­stre­ichung ein Schat­ten­da­sein fris­ten, ist eigen, das sie einen Schatz, meist ein Gold­schatz, oft in Kugelform gegossen, hüten oder ken­nen, der tief in einem Berg – Sinnbild des frucht­baren schwan­geren Bauch­es – ver­bor­gen liegt. Die Chris­tian­isierung dieses hei­d­nis­chen lebensspenden­den Göt­ti­nen­bauch­es erin­nert an die christliche Cam­ou­flage der GÖTTIN als christliche SANCTA VERONIKA. Der Bauch-Berg näm­lich der Schöpfer­göt­tin der Urgeschichte wird zum SIMELIBÄRG, was soviel heisst wie SIMONSBERG. Gemeint ist natür­lich SIMON PETRUS, SIMON DER FELS also, jen­er cho­lerische Apos­tel der Evan­gelien, der, trotz seines Ver­rates an CHRISTUS, von diesem selb­st auserko­ren wurde, die Kirche zu tra­gen: „du PETRUS, der Fels, auf dem ich meine Kirche baue“ sagt JESUS, und meint mit Kirche (eccle­sia) ganz ein­fach die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen.

Mit diesem eben anskizzierten Wis­sen, das an die doch auch sehr dun­kle Zeit der Chris­tian­isierung erin­nert, zurück zum SCHWEIZERLIED, dem GUGGISBÄRGER LIED, wie es auch genan­nt wird. Da schim­mern dann zwis­chen den Zeilen und der Melodie und den Trä­nen Zusam­men­hänge auf, die niemals zu ergrün­den, son­dern nur zu erah­nen und zu erfühlen sind. Dinge, die wir halt alle irgend­wie auch als die unseren erken­nen – und die sich let­ztlich jeglich­er Psy­cho­analyse und jedem arche­typ­is­chen Ver­ständ­nis entziehen.

Was hat all dies mit Mara’s Werk Nr15 HEIMAT zu tun? Mit diesem wohl kaum zufäl­lig aus dem Wer­kraum Rah­men­hand­lung kom­menden Werk, welch­es HEIMAT – und damit gle­icher­massen Schutz, Iden­tität und Zwang – eis­ern UMRAHMT. Mit einem Werk, wo das Schweiz­erkreuz auf rotem Grund, die HEIMAT eben, im stahlge­falzten Rah­men­werk durch Stahl­seile fest­gezur­rt ein Bild gefan­gener Frei­heit bzw. der Idee der­sel­ben darzustellen scheint? Mit einem Werk, wo die eigentliche Sichtweise sich allmäh­lich und mit Ernüchterung durch­set­zt, dass näm­lich nicht die Heimat und was wir damit assozi­ieren von ominösen Mächt­en ins Gefäng­nis gezwun­gen wird, son­dern dass die Heimat und die Ideen der­sel­ben das Zwangswerk selb­st sind? Mit dieser Darstel­lung im Weit­eren, wo sich die Frei­heit ewig Zwang ist und sie sich selb­st nur in den Zwang hinein zu über­winden ver­mag?

Meine Antwort ist im Effekt mein­er obi­gen Aus­führun­gen insofern gegeben, als ich eben nicht der deter­min­is­tis­chen Wahrnehmung im Werk HEIMAT ent­ge­gen­treten muss. Ich ziehe an einem Faden, dessen eines Ende im Begriff HEIMAT gegeben ist, und mein Ziehen erweist diesen Faden als ein­er eines unendlichen, kos­mis­chen Net­zes, das wun­der­bar­er Weise Alles erfasst und verbindet, das ger­ade darin beste­ht, dass Jedes Jedem Wider­spruch ist.

Die Leser dieser Zeilen sind nicht aufge­fordert, möglichst viel Wis­sen zu äuf­nen – dies ist schlech­ter­d­ings Bil­dungs­blödsinn – son­dern in Allem und hin­ter Allem mehr zu ver­muten und vor allem sich nicht vor auftuen­den Wider­sprüchen zu drück­en, diesen wohltuende Erk­lärungslü­gen aufzupfropfen, um das Leben ruhig lei­dend ver­schlafen zu kön­nen. Offene und stetig suchende Wahrnehmung allein ist das weisse Pferd im schreck­lich-schö­nen Märchen des Lebens. (zum Werk)

Jan 2015, W. Stud­er

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