Neid leuchtet

Aus der Serie «Sprachperlen»

Nr38 Randständige

Nr38 Rand­stän­di­ge

(stu) Als wär’s ein selt­sames und kost­bar-anrü­chi­ges Expo­nat in einem Muse­um des ana­ly­tisch aber letzt­lich trotz­dem unver­ständ­lich dar­ge­stellten Wahn­sinns, in einer ewi­gen und all­um­fas­senden Samm­lung his­­to­­risch-eth­­no­­lo­gisch-sozi­o­­psy­cho­­lo­gi­­scher Para­digmen, im Kabi­nett des über­wirk­lich Wirk­li­chen und brav ein­ge­füllt in einer den übli­chen Sockel des Kunst­wer­kers krö­nenden Scha­tulle, ist da zu sehen GRÜNERGLIBBER umstan­den von Figür­chen, die zunächst den Mass­stab der Sze­nerie vor­geben.
Glibber, gefähr­lich oszil­lie­rend in einem je nach Sicht­weise vom edels­ten Sma­ragd­grün ins wider­liche Gift­grün chan­gie­renden Farb­ton, unbe­kannter phy­si­scher Her­kunft und unab­wäg­barer psy­chi­scher Wir­kung und dem Auge in beton­ter Harm­lo­sig­keit als gezähmt schei­nende Kunst dar­ge­boten in kon­trast­rei­cher Insze­nie­rung mit den am Ran­de des Bas­sins auf­ge­stellten Men­schen, die sich mehr oder weni­ger osten­tativ von der sich aus­brei­tenden grü­nen Mas­se in ihrer Mit­te abwen­den. Als ein­fache und lust­volle Ver­bild­li­chung der Kom­bi­na­tion der drei geläu­figen Begrif­fe “brei­te Mas­se” und “grün vor Neid” und “Rand­stän­dige”. Der Kunst­werker führt uns also die Inkor­po­ra­tion der von Rand­stän­digen umstan­denen, vor Neid grün gewor­denen brei­ten Mas­se vor.

Die­ses unmit­telbar als fast bie­der­meie­riges Mahn-Fin­ger­­lein daher­kom­mende Werk lässt uns zunächst schmun­zeln. Nicht zuletzt, weil die älte­ren unter dem Publi­kum die­sen grün aus­lau­fenden Popanz sub­stan­tiell als jenen “Sli­mie” der 70er Jah­re wie­der­er­kennen, mit dem sich die Erin­ne­rung an präch­tigen und ten­den­ziell unan­ständig ekli­gen Unfug ein­stellt. Und die etwas Jün­geren wer­den sich mög­li­cher­weise fra­gen, ob der Kunst­werker nicht viel­leicht grü­ne Gum­mi­bär­chen ein­ge­kocht habe, um die­se Che­mie ver­un­fallte Mas­se zu erzeu­gen. Kurz­um: alles hat auf Anhieb irgend­wie put­zig harm­lose Eisen­­­bahn-Anla­ge-Aus­­­strah­­lung. Ein kind­li­cher Charme, der sich jedoch bei nähe­rer und län­gerer Betrach­tung im eigent­li­chen Wort­sinn als frag­würdig – näm­lich der Fra­gen wür­dig – her­aus­stellt:

Wer sind denn die­se augen­schein­li­chen Nor­malos die hier als Rand­stän­dige fun­gieren und war­um sind sie dem zen­tralen Motiv, dem Haupt-Bil­d­ge­gen­­stand, dem grü­nen Glibber eben weit­ge­hend abge­wandt plat­ziert?

Es sind mit­nichten die aus Armut Rand­stän­digen, son­dern wit­ziger Wei­se – so dekla­riert der Kunst­werker – die Super­rei­chen. Die Hap­py Few also, die aller­dings doch nicht immer so glück­lich zu sein schei­nen, wie es die brei­te Mas­se, die über­wie­gende Mehr­heit der Men­schen, glaubt. Rei­che also, die sich, ange­wi­dert vom Neid der brei­ten Mas­se, abzu­wenden schei­nen? Oder wen­den sie sich von den Fol­gen ihres Tuns bzw. Nicht­tuns ab, um in ihrer Idyl­le kei­ne Gewis­sen­strü­bung erdul­den zu müs­sen?

War’s das schon, was unser Kunst­werker uns ver­mit­teln will oder sol­len wir mög­li­cher­weise unse­re und sei­ne Pri­mär­deu­tung zu hin­ter­fragen ver­su­chen? Ist hier etwa gar ein Mora­li­sieren des übli­chen, des gän­gigen Mora­li­sie­rens her­vor­ge­lockt? Sol­len wir unser eige­nes Spie­gel­bild als Täu­schung ent­larven?
Kunst ist nie­mals sinn­voll oder ein­di­men­sional logisch oder ein­deutig und vor allem unter kei­nerlei Umstän­den und zu kei­ner Zeit voll­um­fäng­lich bewusst – auch beim bes­ten und aus­ge­wie­senen Wil­len weder dem des Urhe­bers noch dem der Betrach­ter. Ergo schau­en wir hin und füh­len wir und – wie ger­ne rate ich die­ses an – DENKENWIR NACH!

Dem Kunst­werker ein Dan­ke­schön für das neu­er­liche Ergeb­nis sei­nes Tuns und dafür, dass wir jetzt wis­sen, dass Neid im Dun­keln leuch­tet.

W. Stu­der

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