Der rote Faden ins Labyrinth

Aus der Serie «Sprachperlen»

Nr46 Der rote Faden

Nr46 Der rote Faden

(stu) Ein nicht ein­mal ein­fach gestrick­tes, son­dern ledig­lich ein­fach auf­ge­spul­tes Werk dies­mal. Von unse­rem Kunst­wer­ker, des­sen Hin­ter­list wir mitt­ler­weile satt­sam ken­nen und wis­sen: den Schin­ken am schein­bar mage­ren Kno­chen müs­sen wir uns als Betrach­ter sel­ber erschaf­fen, die Sau also zum genüss­li­chen Ver­zehr sel­ber mäs­ten!

Da ist nun diese Spule aus satt und fast leuch­tend Rot gefärb­tem Faden, der in der Tat eine aus feins­tem Woll­filz gespon­nene Schnur ist, deren Ende locker und nach­läs­sig läs­sig offen lose hän­gend geblie­ben ist und irgend­wie zei­chen- und etwas ver­lo­ren rät­sel­haft einen Strich ins Weiss der Sockel­flä­chen mar­kiert – als wär’s eine Auf­for­de­rung zur Öff­nung der Spin­del. Immer­hin, dem schlicht und gerade darin schon hoch­äs­the­ti­schen Etwas haf­tet unbe­dingt etwas dif­fus Ahnungs­vol­les und uner­klär­lich Tie­fes an. Es ist ein magi­scher Feti­sch, dem der Zau­ber des Mär­chens inne­wohnt und den das Flui­dum sinn­li­cher Poe­sie ein­hüllt. Zu erin­nern ist an die Spule mit dem kost­ba­ren roten Faden, mit dem aus­schliess­lich der Tem­pel­vor­hang gewo­ben wird und der des­we­gen nur von der hei­ligs­ten aller hei­li­gen Frauen, MARIA, der THEO­TO­KOS, der Mut­ter Jesu im Chris­ten­tum, oder, im älte­ren grie­chi­schen Mythos, von PER­SE­PHONE, der Toch­ter DEME­TERS, gespon­nen und ver­wo­ben wer­den darf.

Die­ser vor­lie­gende rote Faden, der des Wachs­tums­ge­r­an­gels näm­lich, führt jedoch nicht ein­mal aus dem Laby­rinth – so wie sonst grund­sätz­lich der mytho­lo­gi­sche rote Faden aus jeg­li­chem Laby­rinth führt. Nein! Im Gegen­teil führt in die­sem unse­rem Fall die Rück­ver­fol­gung des roten Fadens zwangs­läu­fig zu den wach­sen­den Mate­ria­li­tä­ten des Wachs­tums – gleich­sam dem roten Faden beim Öff­nen der run­den Schach­tel etwel­cher Schmelz­kä­se­sor­ten, der uns erst mög­lich macht, den mehr oder weni­ger kuli­na­ri­sch wert­vol­len Inhalt zu ver­til­gen.

Über­haupt sehe ich im an sich hüb­sch-harm­lo­sen läng­li­chen stab­för­mi­gen Objekt schon irgend­wie auch den Vibra­tor, der zur libi­di­nö­sen Stei­ge­rung des all­seits reli­giös-ero­ti­sch begrif­fe­nen Wachs­tums geeig­net scheint – ein SEX TOY geho­be­nen Wirt­schafts­ver­ständ­nis­ses also, das uns die hehre Finanz- Wirt­schafts- und Poli­ti­kel­ite gerne unter den Weih­nachts­baum legen würde. Ein XXX­MASGeschenk sozu­sa­gen, das wir natür­lich äus­serst gerne ent­ge­gen neh­men, sind wir, die Mehr­heit der Kon­su­men­ten, die wir uns ja bezüg­lich der Schat­ten­sei­ten des Wachs­tums­wahns so gerne als unschul­dige Gemü­ter dar­stel­len und mehr oder weni­ger ideo­lo­gi­sch ver­brämt die Schuld von uns weg nach oben, zu den bereits Genann­ten, schie­ben, doch nur zu gerne bereit, die Kon­sum­geil­heit him­mel­hoch jauch­zend zu sti­mu­lie­ren!

Las­sen wir sol­ches und bege­ben wir uns zwecks tie­fe­ren Ver­ste­hens auf eine höhere Ebene fern jeder Anklage, nah aber wirk­li­cher Weis­heit. Ich meine, dass wir diese wun­der­lich char­mante Faden­s­pule, gefärbt in der Farbe des Her­zens und der Sonne, ent­spre­chend poe­ti­sch wahr­neh­men und ver­in­ner­li­chen soll­ten: nicht aus dem Laby­rinth, son­dern in die­ses hin­ein soll uns die­ser Lebens­fa­den füh­ren! In jene unend­li­chen Gewölbe unse­rer Seele, in denen wir – so ver­spricht uns AUGUS­TI­NUS, Kir­chen­va­ter und Phi­lo­soph des Früh­chris­ten­tums – Alles, Alles fin­den – auch das­je­nige, was über uns selbst und unsere Zeit hin­aus reicht – ohne je irgend­wo­hin rei­sen zu müs­sen.

Und da ja der kunst­wer­kende intel­lek­tu­elle Schlin­gel nicht nur See­len­dok­tor son­dern viel­mehr auch iden­ti­sch mit jenem trau­ri­gen Clown eines sei­ner ers­ten Werke ist, kann diese Deu­tung und ihr zuge­hö­ri­ges Unter­fan­gen nur rich­tig sein.

W. Stu­der

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