Nr15 Heimat

Eisen­rah­men roh, Stahl­seile, Lein­wand, Acryl­farbe, Kar­ton­auf­lage, 150x100x5 cm, © mara 1998
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Inspiration

Eine Rah­men­hand­lung bedeu­tet glei­cher­ma­ßen Sicher­heit, Bestim­mung, Ein- und Aus­gren­zung. Hier Hei­mat…

Werk

<Nr15 Hei­mat> Eiserne Rah­men­hand­lung über Hei­mat, Schutz, Iden­ti­tät und Zwang – nicht los­ge­löst, nicht unab­hän­gig, nicht frei – eine von ihrem bio- psy­cho-sozia­len Rah­men abhän­gige soziale Inter­ak­tion. Kunst­sprech: HEI­MAT­WERK

Klassifikation

Nr15 Hei­mat> ist ein Werk aus dem Werk­raum Rah­men­hand­lung

Bekanntgabe

1998, mara

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Das Pferd im Märchen des Lebens

Kommentar zum Werk Nr15

Hom­mage an ein fei­nes Essen mit fei­nen Leu­ten, fei­nen Gesprä­chen und beson­ders an die Köchin.

Nr15: Heimat

Nr15 Hei­mat

(stu) Das deut­sche HEI­MAT ist, als Wort und als Begriff, in keine Spra­che direkt zu über­set­zen. Auch in der Umschrei­bung ist das deut­sche HEI­MAT in der gan­zen Tiefe sei­ner Bedeu­tung nicht zu erfas­sen. HEI­MAT ist eine mythi­sche und mys­ti­sche Ikone der deut­schen Spra­che, die wie­derum eine der höchst­dif­fe­ren­zier­ten und wort­schatz­reichs­ten Spra­chen welt­weit ist und der ein ein­ma­li­ger Reich­tum unter­schied­lichs­ter Aus­prä­gun­gen eigen ist. Unter die­sen Dia­lek­ten wurde vor noch gar nicht län­ger Zeit dem Han­no­ver­a­ni­schen Dia­lekt die Ehre zuteil, als Hoch­spra­che aus­er­wählt zu wer­den. Eine Wahl, die nicht nach Eig­nung, son­dern dem Macht­ge­fälle nach ent­schie­den wurde. In kei­nem der deutsch­spra­chi­gen Hei­mat­län­dern – und dies sind etli­che mehr als die Meis­ten wis­sen – spricht man übli­cher­weise die reine Hoch­spra­che. Dies tun allen­falls Per­so­nen, die beson­ders aus­ge­bil­det sind, zum Bei­spiel für den Schau­spie­ler­be­ruf.

Noch um 1800 war die Hoch­spra­che eher Idee als Wirk­lich­keit. Fried­rich Schil­ler – wie­wohl hoch­be­rühm­ter Dich­ter – war ein gefürch­te­ter Vor­le­ser. Sein Schwä­bisch gefärb­tes Hoch­deutsch konnte aus­ser­halb Schwa­bens kaum ver­stan­den wer­den. Der andere Gigant der deut­schen Spra­che, näm­lich Goe­the, sprach im All­tag Säch­sisch und auch das Zür­che­ri­sche bzw. Ber­ne­ri­sche Hoch­deutsch von Max Frisch bzw. Fried­rich Dür­ren­matt änderte nichts daran, dass sie beide der Deut­schen Spra­che Werke geschenkt und diese sich ste­tig wan­delnde Spra­che mit­ge­prägt haben.

DEUTSCH, das eigent­lich vom Alt­ger­ma­ni­schen stol­zen THIU DISK abge­lei­tet ist, was soviel wie RICH­TIG REDEN bedeu­tet, ist ein sehr sehr bun­tes Uni­ver­sum und für die­je­ni­gen, die in die­ser Far­big­keit leben, sich ihrer freu­dig bedie­nen, ist es ihre HEI­MAT. Wer also glaubt, kein rich­ti­ges Deutsch spre­chen zu kön­nen, weil sein Hoch­deutsch dia­lekt­ge­färbt daher­kommt, ist nicht rich­tig infor­miert und wer sich und sein Deutsch auf­zu­wer­ten glaubt, wenn er mög­lichst viele rich­tige deut­sche Wör­ter und Begriffe durch Angli­zis­men ersetzt, ist ein bedau­erns­wer­ter Dumm­kopf. Er nimmt sich Iden­ti­tät, Zuge­hö­rig­keit und selbst­stän­di­ges Den­ken und Füh­len. In einem Wort, er beraubt sich sei­ner HEI­MAT.

Ein wei­te­res Begriff, der aus dem Deut­schen kommt und nur im Deut­schen die volle Bedeu­tungs­schwere aus­strahlt, ist das sich von HEI­MAT ablei­tende HEIM­WEH. Mit die­sem HEIM­WEH sind unter den vie­len deutsch­spra­chi­gen Län­dern und Gegen­den ins­be­son­dere wir in der Schweiz geseg­net, obwohl, oder viel­leicht gerade weil die Schweiz ja vier­spra­chi­ges Ter­rain ist. HEIM­WEH war und ist näm­lich seit dem 15. Jahr­hun­dert als die SCHWEI­ZER­KRANKEIT bekannt. Viele Jugend­li­che und junge Män­ner aus den ärms­ten Gegen­den der Eid­ge­nos­sen­schaft hat­ten keine Zukunfts­per­spek­tive, aus­ser sich als Miet­sol­dat, als Söld­ner – genannt Reis­läu­fer – in den Dienst des meist­bie­ten­den Kriegs­un­ter­neh­mers zu bege­ben, um in der Fremde ihr Leben zu ver­die­nen, indem sie es auf’s Spiel set­zen. Ihre Kampf­kraft und unglaub­li­che Zähig­keit waren legen­där, ihre Grau­sam­keit und Bru­ta­li­tät berüch­tigt. In Bei­dem über­tra­fen sie sogar die damals eben­falls als unmensch­li­che Gro­biane ver­ru­fe­nen Deut­schen Lands­knechte. Über­lie­fert sind bei­spiel­lose Scheuss­lich­kei­ten die­ser gna­den­lo­sen Miet­linge – dass sie ihr Leder­zeug mit Lei­chen­fett frisch vom Schlacht­feld pfleg­ten, ist ver­gleichs­weise harm­los – und der Name SCHWEI­ZER war weit über die Zeit der Renais­sance hin­aus ein ent­spre­chend ent­eh­ren­des Schimpf­wort in der dama­li­gen Welt Euro­pas. Dass aber aus­ge­rech­net diese üblen Hor­den fern der Hei­mat, dem Ort eben wo sie her­ka­men, über die Mas­sen an Heim­weh lit­ten, ist eben­falls legen­där. Noch bis ins frühe 19. Jahr­hun­dert gab es Lie­der, die den Schwei­zer Sol­da­ten zu sin­gen ver­bo­ten war, da die­ses Lied­gut geeig­net war, die Kämp­fer mit unüber­wind­li­chem Heim­weh zu infi­zie­ren und sie zur Fah­nen­flucht zu zwin­gen.

Das Lied der Lie­der in die­ser Hin­sicht, die eigent­li­che Schwei­zer­hymne über­haupt, das auch heute noch ele­gisch süss-nost­al­gi­sche Sehn­sucht weckt und zu Trä­nen rührt, ist jene Mori­tat um das VREN­ELI AB EM GUG­GIS­BÄRG. Ihr ärm­li­cher Gelieb­ter ver­meinte sei­nen rei­che­ren Neben­buh­ler im hand­greif­li­chen Streit hin­ge­mor­det zu haben und floh vor der Strafe in fremde Kriegs­dienste. Als er erfährt, dass er damals nicht zum Mör­der gewor­den, kehrt er heim, nur um erfah­ren zu müs­sen, dass das VREN­ELI an gebro­che­nem Herz gestor­ben war. Im Refrain wird auch ein rät­sel­haf­ter SIME­LI­BÄRG beschwo­ren, ein Umstand mehr, der anzeigt, dass sich in die­sem Text min­des­tens zwei Ebe­nen über­la­gern.

Der selt­same Text und die nicht min­der merk­wür­dige Melo­die pas­sen ihrer Struk­tur nach eher ins 15./16. als ins frühe 18. oder wie auch ver­mu­tet ins 17. Jahr­hun­dert, in die Hoch­zeit somit der über 500 Jahre dau­ern­den ita­lie­ni­schen Kriege, deren Aus­wir­kun­gen im Schick­sal des moder­nen Europa immer noch zu spü­ren sind. In die Zeit also, in der die Eid­ge­nos­sen das stolze Mai­land erober­ten und die­sen geschichts­träch­ti­gen Stadt-Staat, der unter Dio­kle­tian zeit­wei­lig sogar Haupt­stadt des Römi­schen Rei­ches war, für eine kurze Weile beherrsch­ten. Dies im Übri­gen in Kon­kur­renz mit den Armeen der dama­li­gen Gross­mächte, für die der Zank­ap­fel Mai­land ein wich­ti­ges Moment im Kampf um die Kai­ser­krone bedeu­tete. Schliess­lich konnte der Habs­bur­ger Karl V. die­ses Macht­spiel gegen Franz I. von Frank­reich und gegen Hein­rich den VIII. von Eng­land für sich ent­schei­den.

Die älte­ren Ebe­nen in die­sem geis­tes­ge­schicht­lich phä­no­me­na­len Lied­text sind mar­kiert durch die Namen VREN­ELI und SIME­LI­BÄRG. Die Ver­flech­tun­gen in Zeit und Raum der vor­christ­li­chen und christ­li­chen Geis­tes­ge­schichte sind hier nur kurz anzu­mer­ken:
VREN­ELI ist ja die Ver­kür­zung von VERO­NIKA, was wie­derum zurück geht auf VERON IKON, was WAH­RES BILD bedeu­tet, womit das Schweiss­tuch Jesu (suda­rium) gemeint ist. Dies im Kon­trast zur zuge­hö­ri­gen Frau, deren Her­kunft bis min­des­tens ins 5. Jahr­tau­send vor Chris­tus zurück­ver­folgt wer­den kann, dort vor allem mit ISCH­TAR zu ver­bin­den ist, und schliess­lich noch wei­ter zurück in die Zeit, als Gott eine Göt­tin war.

Die Über­reste der GROS­SEN GÖT­TIN, die das Geheim­nis des Lebens kannte und so aus sich selbst, gewis­ser­mas­sen jung­fräu­lich, Leben her­vor­brin­gen konnte, sind viel­zäh­lig und im wesent­li­chen in einer christ­lich kirch­li­chen und einer neben die­sem bestehen­den kryp­topha­ga­nen, also ver­bor­gen heid­ni­schen, Ver­bild­li­chung zu erken­nen.
Da ist die erlaubte kirch­li­che Form näm­lich MARIA als jung­fräu­li­che (sic!) Mut­ter Got­tes und dane­ben die ins Sagen-, Legen­den- und Mär­chen­reich abge­drängte VUIVRE, DOP­PEL­SCHWÄN­ZIGE NIXE, VERENA, AUROBOROS, SCHLANGE, DRA­CHE, HEXE, WEISE ALTE, WEISSE FRAU, und etli­che andere mehr, die bis­wei­len mit Gänse- oder Grei­fen­füs­sen dar­ge­stellt erschei­nen – so wie dies jahr­tau­sen­de­alte Bil­der von ISCH­TAR schon zei­gen.

Allen die­sen Wesen, die in christ­li­cher Über­strei­chung ein Schat­ten­da­sein fris­ten, ist eigen, das sie einen Schatz, meist ein Gold­schatz, oft in Kugel­form gegos­sen, hüten oder ken­nen, der tief in einem Berg – Sinn­bild des frucht­ba­ren schwan­ge­ren Bau­ches – ver­bor­gen liegt. Die Chris­tia­ni­sie­rung die­ses heid­ni­schen lebens­spen­den­den Göt­ti­nen­bau­ches erin­nert an die christ­li­che Camou­flage der GÖT­TIN als christ­li­che SANCTA VERO­NIKA. Der Bauch-Berg näm­lich der Schöp­fer­göt­tin der Urge­schichte wird zum SIME­LI­BÄRG, was soviel heisst wie SIMONS­BERG. Gemeint ist natür­lich SIMON PETRUS, SIMON DER FELS also, jener cho­le­ri­sche Apos­tel der Evan­ge­lien, der, trotz sei­nes Ver­ra­tes an CHRIS­TUS, von die­sem selbst aus­er­ko­ren wurde, die Kir­che zu tra­gen: “du PETRUS, der Fels, auf dem ich meine Kir­che baue” sagt JESUS, und meint mit Kir­che (eccle­sia) ganz ein­fach die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen.

Mit die­sem eben anskiz­zier­ten Wis­sen, das an die doch auch sehr dunkle Zeit der Chris­tia­ni­sie­rung erin­nert, zurück zum SCHWEI­Z­ER­LIED, dem GUG­GIS­BÄR­GER LIED, wie es auch genannt wird. Da schim­mern dann zwi­schen den Zei­len und der Melo­die und den Trä­nen Zusam­men­hänge auf, die nie­mals zu ergrün­den, son­dern nur zu erah­nen und zu erfüh­len sind. Dinge, die wir halt alle irgend­wie auch als die unse­ren erken­nen – und die sich letzt­lich jeg­li­cher Psy­cho­ana­lyse und jedem arche­ty­pi­schen Ver­ständ­nis ent­zie­hen.

Was hat all dies mit Mara’s Werk Nr15 HEI­MAT zu tun? Mit die­sem wohl kaum zufäl­lig aus dem Werk­raum Rah­men­hand­lung kom­men­den Werk, wel­ches HEI­MAT – und damit glei­cher­mas­sen Schutz, Iden­ti­tät und Zwang – eisern UMRAHMT. Mit einem Werk, wo das Schwei­zer­kreuz auf rotem Grund, die HEI­MAT eben, im stahl­ge­falz­ten Rah­men­werk durch Stahl­seile fest­ge­zurrt ein Bild gefan­ge­ner Frei­heit bzw. der Idee der­sel­ben dar­zu­stel­len scheint? Mit einem Werk, wo die eigent­li­che Sicht­weise sich all­mäh­lich und mit Ernüch­te­rung durch­setzt, dass näm­lich nicht die Hei­mat und was wir damit asso­zi­ie­ren von omi­nö­sen Mäch­ten ins Gefäng­nis gezwun­gen wird, son­dern dass die Hei­mat und die Ideen der­sel­ben das Zwangs­werk selbst sind? Mit die­ser Dar­stel­lung im Wei­te­ren, wo sich die Frei­heit ewig Zwang ist und sie sich selbst nur in den Zwang hin­ein zu über­win­den ver­mag?

Meine Ant­wort ist im Effekt mei­ner obi­gen Aus­füh­run­gen inso­fern gege­ben, als ich eben nicht der deter­mi­nis­ti­schen Wahr­neh­mung im Werk HEI­MAT ent­ge­gen­tre­ten muss. Ich ziehe an einem Faden, des­sen eines Ende im Begriff HEI­MAT gege­ben ist, und mein Zie­hen erweist die­sen Faden als einer eines unend­li­chen, kos­mi­schen Net­zes, das wun­der­ba­rer Weise Alles erfasst und ver­bin­det, das gerade darin besteht, dass Jedes Jedem Wider­spruch ist.

Die Leser die­ser Zei­len sind nicht auf­ge­for­dert, mög­lichst viel Wis­sen zu äuf­nen – dies ist schlech­ter­dings Bil­dungs­blöd­sinn – son­dern in Allem und hin­ter Allem mehr zu ver­mu­ten und vor allem sich nicht vor auf­tu­en­den Wider­sprü­chen zu drü­cken, die­sen wohl­tu­ende Erklä­rungs­lü­gen auf­zu­pfrop­fen, um das Leben ruhig lei­dend ver­schla­fen zu kön­nen. Offene und ste­tig suchende Wahr­neh­mung allein ist das weisse Pferd im schreck­lich-schö­nen Mär­chen des Lebens.

Jan 2015, W. Stu­der

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